Around The Island

Michael Hirschbichler 

 

Freitag, 22.1. - 10.3.2016

 

Breitensteinstrasse 45

8037 Zürich

office@abcontemporary.com

 

Spätestens seit Thomas Morus‘ Buch ‚Utopia‘ über die fiktive gleichnamige Insel ist man geneigt in Inseln mehr zu erblicken als topographische Erhebungen im Meer. Die Insel als Nicht-Ort beziehungsweise als Ort jenseits der Grenzen des Bekannten wird zum Gegenbild der Welt, wie sie ist, und zum Symbol der Möglichkeit einer anderen, besseren Ordnung. Die Beschäftigung mit Inseln gerät folglich zu einem Aufbruch in den vieldeutigen Bereich der Unschärfe zwischen Inseln, die existieren, und denjenigen, die imaginiert und ersehnt werden und die sich gleich einer flirrenden Fata Morgana über kargen aus dem Meer aufragenden Felsen erheben. Insbesondere im Mittelmeer lassen sich heutzutage derartige Inseln finden, die zwischen Symbol und Realität fluktuieren und die Sirenen gleich Verzweifelte in überfüllten, kaum seetauglichen Boten anlocken. Obwohl sie im Meer verborgen und schwer erreichbar sind, rücken sie ins Blickfeld als Zeichen für die zentralen Themen unserer Zeit. Sie verwandeln sich in Zerr- und Ebenbilder der Insel Utopia, die aus der Sphäre der Imagination verheissungsvolle Schatten wirft. Es ist dieser Glaube an das bessere Andere, der hier und dort zwischen Afrika und Europa aufscheint um sich bald jenseits der Hafenmolen hinter Stacheldrahtzäunen zu verflüchtigen oder in mehr oder weniger sicherer Normalität aufzugehen. Zwischen Kontinenten und Gesellschaftssystemen, zwischen Hoffnung und Tragödie, zwischen der Welt, wie sie ist, und wie sie sein könnte, wird die Insel zu einem Symbol für das Ganze, zu einem Gradmesser der Gegenwart.

 

Michael Hirschbichlers Arbeiten setzen sich mit existentiellen Aspekten des menschlichen Lebens innerhalb geplanter und gebauter Strukturen auseinander. In seiner zweiten Ausstellung bei AB Contemporary mit dem Titel AROUND THE ISLAND entfaltet er durch die Umkreisung der ‚Insel‘ (Lampedusa, Europa, Utopia) in verschiedenen Medien ein assoziationsreiches Symbolsystem, das durch die Kernzonen der Gegenwart verläuft.

 

Der Film AROUND THE ISLAND (2016) zeigt in einem Streifzug durch Lampedusa neun alltägliche Orte, die mit statischer Kamera jeweils für eine Minute gefilmt wurden. Die handlungsfreien, grösstenteils menschenleeren und zeitlich eng begrenzten Sequenzen rücken normale Orte ins Zentrum der Aufmerksamkeit, deren narratives Potential sich erahnen lässt.

 

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Fotozyklus LAMPEDUSA (2015). Das Blau leckgeschlagener Holzkähne auf dem Ödland neben einem Fussballplatz kontrastiert mit winterlich leerstehenden Hotels an einer türkisblauen Küste, vor denen die Mannschaftswägen des Militärs und der Polizei auffahren, mit Stacheldrahtzäunen, nautischen Leuchtsignalen, Strassenschildern, aufgegebenen Industriearealen und Asphaltflächen. Die Bilder bieten eine Perspektive zwischen Alltag und Ausnahmezustand und eröffnen Bedeutungsverweise aus dem komplexen und vielschichtigen Kosmos der Insel.

 

In der Plankarte INSEL (2015) verschwimmen die Grenzen zwischen dem Faktischen und dem Fiktiven. In einer Extrapolation vorhandener Fluchtbewegungen überzieht die Struktur eines an das kenianische Dadaab erinnernden Flüchtlingslagers die gesamte Topographie Lampedusas. Die Insel als Europa vorgelagertes gigantisches Flüchtlingslager, rational geplant und zwischen Humanität und Absurdität situiert, verdichtet auf kritische Weise vorherrschende politische Positionen.

 

In der Zinn- und Blei- Skulptur UTOPIA (2016) wird Lampedusa – anknüpfend an Thomas Morus, Abraham Ortelius und andere – schlechthin zur Insel Utopia erklärt. Die Ambivalenz zwischen dem Erstrebenswerten und dem Abzulehnenden, zwischen Utopie und Dystopie spricht aus der reduzierten metallenen Materialität. 

 

Die ausgewählten Arbeiten aus dem Zyklus WHITEWASHING (2015) thematisieren den medialen Umgang mit den humanitären Katastrophen, die sich um die Insel ereignen. Sie stellen zwischen Vergegenwärtigung und Auslöschung, zwischen symbolischer Erlösung und Verdrängung den Versuch eines Umgangs mit der Wirklichkeit und zugleich das damit verbundene Scheitern dar. Das ‚Weißwaschen‘ erscheint als Akt der Befreiung und Verdrängung, des Entrückens und Vergessens zugleich.

 

Die Skulptur BORDERLINE (2015) präsentiert eine dreidimensionale stählerne Nachzeichnung des befestigten Grenzverlaufs zwischen Ungarn und Serbien im Massstab 1:50‘000. In ihr kommt eine Auseinandersetzung mit materialisierten ideologischen Trennungslinien, mit der Teilung des Territoriums in ein Innen und ein Aussen, sowie mit physischen Grenzen zum Ausdruck, die Enklaven und Inseln in übergeordneten Massstäben schaffen. 

 

 

 

Michael Hirschbichler

geboren 1983 in Graz, Österreich

lebt und arbeitet in Zürich

 

EINZELAUSSTELLUNGEN

 

“Around the Island”, AB Contemporary Zürich, 22. Januar 2015 – 10. März 2016 

„Jenseits der Küste Utopias”, Haus der Architektur, Graz, 3. Dezember 2015 – 22. Januar 2016 

„Toward the Vanishing Points”, AB Contemporary Zürich, Februar-April 2015

„Fragments from Utopia”, Artifact Gallery, New York, 4. - 22. Februar 2015 

„Theatrum Orbis Terrarum”, Galerie Karin Sachs, München, 22. Mai - 19. Juli 2014

„Erlösungsarchitekturen und Verdammungsarchitekturen“, MARIA HIL F, Professur Karin Sander, Zürich, 

23. April – 8. Mai 2013

 

GRUPPENAUSSTELLUNGEN

 

„Die Nacht der Villa Massimo”, Abschlussausstellung der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, Martin 

Gropius Bau, Berlin, Februar 2016 

„Finale”, Abschlussausstellung der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, Villa Massimo, Rom, 

19. November 2015 

„New Generation Festival”, Palazzo Pisani, Lonigo, 2. Oktober – 1. November 2015

„Werk- und Atelierstipendien der Stadt Zürich”, WWHelmhaus, Zürich, 18. Juli – 6. September 2015

„Premio Combat”, Museo Civico G. Fattori, Livorno, 27. Juni – 25. Juli 2015

„Spazi Aperti”, Accademia di Romania, Rom, 12. Juni 2015

„Sommerpräsentation”, Villa Massimo, Rom, 10. – 20. Juni 2015 

„Open Studios”, Ausstellung der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, Villa Massimo, Rom, 26. März 2015

„architecture. What else?“, Kulturtankstelle, Döttingen, 31. Oktober 31. - 7. Dezember 2014

„Periphere Architektur”, Architektur14, Maag Halle, Zürich, 24. - 26. Oktober 2014

„Side effects“, Side effects Kunstraum im Kontext der Art Basel, Basel, 17. - 22. Juni 2014

„Theatrum“, Photobastei, Zürich, 10. - 20. April 2014

„4 Monumente“, Grafik14, Maag Halle, Zürich, 13. - 15. März 2014

„Das Modell vom Modell vom Modell vom – ist die Welt“, Gruppenausstellung, zusammen mit Lukas Geisseler, Thomas Knüsel und MatterLuechinger, Kunstraum –ion+, Zürich, Februar - März 2014

„You are here“, Gruppenausstellung, zusammen mit Lukas Geisseler und Thomas Knüsel, Zollhaus, Luzern, 2013

„there is no there there”, Architektur13, Maag Halle, Zürich, 25. - 27.Oktober, 2013

„Sketch“, Fordham University Center Gallery, Lincoln Center, New York, Februar – März 2013

Cutlog Art fair, mit Galerie Armin Berger Contemporary Zürich, Paris, 2012

Art Bodensee, mit Galerie Armin Berger Contemporary Zürich, Dornbirn 2012

Swiss Art Awards 2012, Ausstellung im Kontext der Art Basel, Basel, 2012

Premio Arte Laguna, Ausstellung der Finalisten, Arsenale Venedig, Venedig, 2012

„Die Stadt und ihr Boden“, New Tech Club, Schlieren, 2010

„Vorstadt Wildnis”, Diplomausstellung ETH Zürich, Zürich, 2007

PREISE UND STIPENDIEN

Deutsche Akademie Rom Villa Massimo, Residenz 2015

Premio Combat, 2015

Werk- und Atelierstipendien der Stadt Zürich, 2015, Finalist

Lisbon Triennale Début Award, 2013, Finalist

Swiss Art Awards, 2012, Finalist

Arte Laguna Preis, 2012, Finalist

Studienstiftung des deutschen Volkes, 2003-2008

SIA-Preis, 2008

Erich-Degen-Stiftung, 2007 und 2008

Sutor-Stiftung, 2005

Cusanuswerk, 2004-2005

 

E-Fellows, 2002-2008

 

 

Since Thomas Morus‘ book ‚Utopia‘ about the fictional island of the same name, islands are not merely understood as topographical elevations surrounded by seas. As a non-place or as a place situated beyond the boundaries of the known, the island turns into a mirror image of the world and represents a symbol of another, better, order. Dealing with islands consequently entails departing into the ambiguous and blurry zone between existing islands and those imagined and desired, which envelop meager rocks, protruding from the sea, like a fleeting mirage. It is notably in the Mediterranean that such islands nowadays can be found, fluctuating between symbol and reality, luring the desperate in overcrowded boats, like sirens. Despite being concealed in wide open seas and hard to reach, these islands come into focus as signs relating to the central topics of our time. They assume the role of distortions and counterparts of the island ‚Utopia‘, casting meaningful shadows from the sphere of the imaginary. Between continents and societies, between hope and tragedy, between the world as it is and the world as it could be, the island seems to be a symbol and an indicator of contemporary reality.

Michael Hirschbichler’s work investigates existential aspects of human life as it unfolds within planned and built structures. In his second solo exhibition at AB Contemporary titled AROUND THE ISLAND he explores various meanings of the ‘island’ (Lampedusa, Europe, Utopia), unfolding a system of associations in diverse media. 

The film AROUND THE ISLAND (2016) is a derive of nine places on Lampedusa, each filmed with a static camera for one minute. The strictly timed sequences, seemingly devoid of human presence and a plot, focus on the mere existence of ordinary sites, only hinting at a narrative that might or might not be associated with them.

The photographic cycle LAMPEDUSA (2015) tries to capture places and their meanings in a similar way. The blue color of shipwrecked wooden boats dumped on a wasteland next to a football ground is contrasted with empty hotels at the shore of a turquoise bay temporarily housing police and soldiers, with barbed wire fences, beacons, street signs, with empty industrial areas and asphalt surfaces. The images offer a perspective between everyday situations and a state of emergency and open up paths of significance departing from and encircling the complex island cosmos.

In the plan map ISLAND (2015) the boundaries between fact and fiction are blurred. Extrapolating past and present refugee movements, a structure resembling the Dadaab refugee camp in Kenya extends across the entire topography of Lampedusa. The island is turned into a gigantic camp off the shores of Europe – rationally planned and situated between humanitarianism and absurdity – critically condensing prevailing political positions.

The sculpture UTOPIA (2016), an interpretation following Thomas Morus, Abraham Ortelius and others, merges the islands of Lampedusa and Utopia into one, maintaining an ambivalence between the desirable and the deniable, between utopia and dystopia.

Selected works from the cycle WHITEWASHING (2015) raise questions concerning the way in which humanitarian catastrophes that happen around the island are being communicated by the media and consumed by the viewers. They represent attempts at dealing with these aspects of reality – between visualization and suppression – eventually doomed to fail. 

The sculpture BORDERLINE (2015) is a three-dimensional drawing of the fortified Hungarian-Serbian border executed in welded steel in scale 1:50’000. It explores materialized ideological lines of separation creating enclaves and islands on a territorial scale.