Eröffnung: Donnerstag, 10. Mai 2012 | 18 - 21 Uhr
Ausstellungsdauer: 11. Mai bis 02. Juni 2012
Die im Titel der Ausstellung verwendeten Schlagwörter Ruhe, Stillstand und Aufstand versuchen eine Gegenüberstellung der beiden Künstler in aller Drastik. Während im Werk des einen Künstlers eine dem Bild inhärente Ruhe vorherrscht, welche gar in Stillstand umzukippen droht, nähert sich ein am Aufstand orientiertes, archaisches Werk von einer ganz anderen Seite selbigem Zustand. So oszillieren die zwei unterschiedlichen Werkgruppen nicht nur zwischen den gegensätzlichen Polen der Ruhe und des Aufstands, sondern erfahren in einem Moment des Stillstands eine Annäherung.
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Die Zürcher Ausstellung zeigt Pless‘ Ahnenserie aus dem Jahr 2012, das Objekt „Verlassenes“ aus dem Jahr 2011 sowie die grossangelegte, raumfüllende Inszenierung „Aufstand und Abgrund“ von 2010. Ergänzt werden die Objekte dabei durch eine Reihe kleinerer Arbeiten.
Pless arbeitet vorwiegend mit Holz, hierbei handelt es sich um einen lebendigen Werkstoff, der sich primär aus reinem Selbstzweck heraus entwickelt. Der Baum wächst für sich, ohne mit seinem Gedeihen einen speziellen Nutzen in irgendeiner Beziehung darstellen zu wollen. Auf diese hedonistische Entwicklung folgt häufig eine Nutzbarmachung des Materials, sei dies als Balken oder etwaiger Bauträger. Damit erfüllt es kurz- oder langfristig einen funktionalen Zweck, um in der Folge durch den Bildhauer Pless in einen neuen Wesensbereich gebracht zu werden. Pless bedient sich häufig irgendwelcher Relikte. Dabei kommt der Betrachter nicht umhin, beim einen oder anderen Objekt Elemente von Schränken oder Treppen zu identifizieren. Die metamorphose Anlage des Werkstoffs Holz fasziniert den Künstler, gleichzeitig erlaubt er ihm ein weniger konzeptuell festgelegtes, als vielmehr ein intuitives Arbeiten, in dessen Prozess die Endform erst definiert wird. So findet Pless im Holz das ideale Medium, um seine existenziellen Fragen zu Liebe und Tod, Ewigkeit und Vergänglichkeit sowie Bleiben und Vergehen, welche treibende Kräfte in seinem Werk bedeuten, zu transportieren. Diese Auseinandersetzung mit dem Mensch-Sein im archaischen Material Holz erfolgt auf äusserst poetische Weise, jedoch immer gespickt mit einem Quäntchen Ironie.
Das Objekt „Verlassenes“ erscheint schwierig erfassbar, gar ambivalent. Dies macht jedoch die Wirkung von Pless‘ Objekten aus, erst wiederholtes Betrachten fördert versteckte Details zutage, um dennoch ein vollumfänglichen Erfassen des Objekts offen zu lassen. Während das hölzerne Behältnis eher nachlässig zusammengezimmert wirkt, scheint der in ihm geborgene, überdimensionale Totenschädel wie auch die dem „Schrein“ untersetzten Füsse eindeutig sorgfältiger gearbeitet. Während der Schädel für Alter und Verfall steht, ist das Möbel gekennzeichnet von selbigen Spuren. Unklar ist, ob es den Schädel zur Schau stellen oder viel eher verbergen möchte. Ein Memento Mori der besonderen Art, denn das obere Brett ziert die römische Ziffer MMXI, also 2011, welche in der Manier einer Gedenkzahl das Entstehungsjahr des Kunstwerks wiedergibt. „Der klaffende Behälter kann an eine improvisierte Grabstätte oder einen Gegenstand der Verehrung, seine Öffnung an Backofen- oder Krematoriumsklappen gemahnen.“ („Hamlet Syndrom: Schädelstätten“ S. 29) So findet der Betrachter ein Konglomerat ihm bekannter Indizien vor, welche er in ihrer Totalität jedoch nicht zu deuten vermag.
Die hier gezeigte Ahnenserie umfasst die Objekte Ahn I bis Ahn V. Die fünf Ahnen ruhen alle auf einer Art Sockel, wobei jeder ein Einzelstück ist und komplett anders gearbeitet als der andere. Die Sockel lassen Rückschlüsse auf eine mögliche frühere Verwendung des Holzes zu und laden bereits dadurch ein, sich mit Vergangenem auseinanderzusetzen. In ihrer Vertikalität und der Art und Weise, wie sie gefertigt sind, bieten sie „Verlassenes“ ein sinnbringendes Gegenüber. Auf den zweiten Blick wird die nächste Gemeinsamkeit evident, nicht nur werden auf den Sockeln die Büsten der Ahnen präsentiert, sonderndienen diese auch als eine Art Behältnis, indem sie weiteren Ausdruck dargestellten Lebens bergen. So wird der Betrachter bei genauerem Hinsehen Köpfen, Körperfragmenten und kleiner Figuren gewahr, die, vom Sockel geborgen, darauf warten, entdeckt zu werden. Fragen nach dem Verhältnis der Figuren kommen auf, bildet die zweite Figur den Nachkommen des Ahnen ab oder ist es gerade umgekehrt und die Büsten zeigen die Nachkommenschaft, während die Überreste der Ahnen im Schrein ruhen, was wiederum eine Parallele zum Memento Mori Charakter von „Verlassenes“ bilden würde.
Die raumfüllende Inszenierung „Aufstand und Abgrund“ von 2010 besteht aus einem blockartigen Objekt aus verschiedenen Hölzern und Paletten, das der Künstler in seiner Publikation „Aufstand und Abgrund“ mit dem Titel Aufstand versieht. Dazu gesellen sich eine fünfteilige Figurengruppe aus Pappelholz, welche er unter dem Begriff Suchen zusammenfasst und eine Büste aus Eichenholz, die er Das Geheimnis nennt. Den Paletten, welche einer Barrikade ähneln, entwachsen Pless‘ rebellierende Aufständige, ihre Gesichter sind ausdrucksvoll, ihre Gesten eindeutig, wilde Entschlossenheit zeichnet die Figuren. Als kleines Detail ist auch hier ein Totenschädel angebracht, welcher als das gewisse Risiko, welches bei Rebellionen und Aufständen mitschwingt, oder aber als das bekannte Memento Mori Motiv gelesen werden kann. Die Gesichter der Figurengruppe wie auch dasjenige der Büste wirken abwesender, entfernter. Dabei ist ihr Verhältnis zum rebellierenden Block unklar. Der sie zusammenfassende Titel Suchen jedoch scheint sie in dem Masse zu identifizieren, als dass es sich nicht um die machthabende Gruppe handeln kann, gegen welche die Rebellion gerichtet ist, sondern vielmehr die Zukunft der Rebellierenden widerspiegelt.
Auch die Dechiffrierung und Interpretation des Geheimnis‘ verläuft, wie sehr oft bei Pless, im Leeren, so bleibt offen, ob es sich hierbei um ein spezifisches Geheimnis handelt oder ob dieses nicht vielmehr ein Platzhalter ist für den jeweiligen „Motor“, der allen Aufständen gemein ist. Pless äussert sich zum „Aufstand und Abgrund“ sehr schön: „Theoretisch entwickelt sich also eine Form von Moral, die nicht auf rationaler Vernunft, sondern auf einer intuitiven Selbstverständlichkeit beruht. Doch an diesem Punkt zeigt sich das Problem des Aufstandes. Er bleibt ein zeitlich begrenzter Zustand, der zu Ende geht. Was danach kommt weiss man nicht. Das ist aber auch das interessante an dem Thema, es bleibt immer offen. Es bleibt die ewige Suche nach der grossen Freiheit.“ („Aufstand und Abgrund“)
Sebastian Pless wurde in Fulda geboren. Von 2005 bis 2010 absolvierte er sein Studium der Bildhauerei an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Bis heute verfolgt er an selbiger Institution ein Aufbaustudium bei Prof. Bruno Raetsch. Sein Werk wird seit 2008 in unterschiedlichen Ausstellungszusammenhängen vorwiegend in Deutschland gezeigt. Die Doppelausstellung mit Klimek bildet Pless‘ erste Show in der Schweiz.
(Text: Patricia Meyer)
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Wojtek Klimek
In der Züricher Ausstellung werden Werke von Wojtek Klimek aus den Jahren 2010 bis 2012 gezeigt, die meist in
Acryl und Öl gemalt sind. Die Bilder basieren auf fotografischen Vorlagen und zeichnen sich vor allem durch das vielschichtige Spiel mit Licht und die
raffinierte Bildkomposition aus.
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Wojtek Klimek
In seinem Werk scheint die reale Wirklichkeit (greifbar, sichtbar, rational) mit der magischen Realität (Halluzination, Träume) zu verschmelzen. Es wird eine Welt kreiert, in der der Betrachter keine strikte Trennung zwischen Intellekt und
Erleben erfährt.
Das Werk Klimeks zeichnet sich durch eine wirkungsvolle Verknüpfung von realistischen und surrealistischen Formenelementen aus, wie etwa in „Brunnen“ (2010), wobei fotografische Elemente eines Brunnens in Dresden mit einem fiktivem Wald im Hintergrund den scheinbar deplatzierten Autos neben dem Brunnen gegenübergestellt werden. Auf diese Weise raffiniert komponierte Räume und eigentümliche, traumhaft- magische Lichteffekte sind charakteristisch für die Arbeiten von Klimek, denen sehr oft ein beängstigender und fast bedrohlicher Stimmungsgehalt innewohnt.
Die Sujets zeigen häufig rein urbane Landschaften, wie etwa „Hochhaus“ (2010) oder Landschaftenin denen Figuren
in scheinbar alltäglichen Situationen gezeigt werden, z. B. „Qualm“ (2010).
Andernorts verwendet Klimek häufig einzelne, dem Betrachter vertraute Bildelemente, wie den Eingang des
Züricher Letzi-Stadions, und erhebt dies zur Metapher wie in „Eingang“ (2011). Klimeks Bilder wirken oft melancholisch, ständig auf der
Suche. Wonach bleibt jedoch offen. Es scheint, als seien Klimeks Bilder eine Reflexion über das Verhältnis von Zeit und Sein. Wie in Trance steht dabei die Zeit still.
In den Bildern wirken Blickachsen oft unstimmig, die Fluchtpunkte unklar und die Einfallswinkel des Lichts
entziehen sich der Geometrie. Klimeks Sonne (oder Mond) scheint dabei auf das „Andere“,ein Jenseits der Dinge, hinzudeuten, das dass Fehlen der Figuren in
Landschaftsräumen, wie „Brunnen“; „Expo“ oder „Eingang“ zu überstrahlen scheint und sie von ihrem Ding-Sein erlöst.
In Klimeks Landschaften gibt es ein lumen naturale und ein nicht-menschliches Aussen. Somit sind seine „Stillleben“ zwar düster, aber nicht verzweifelt. Die Stille ist erdrückend, aber nicht absolut.
In ihr steckt Erwartung, denn jeden Augenblick könnte etwas Unvorhergesehenes geschehen und Alles verwandeln;
etwas, das sich erhebt gegen die Stille. Dies gilt besonders für Klimeks „Stadt“ (2011). Demzufolge ist Klimeks lumen naturale ein tröstendes Licht, dessen
Schwermut Fantasien loslöst und eine schwebende objektlose Weh(r)mut erschafft. Der Wunsch nach aktiver Veränderung
scheint in den Bildern Klimeks vorherrschend.
Klimeks Bilderwelt macht die zahlreichen Facetten der Einsamkeit des modernen Menschen mittels Sujet, Licht und
Farben sichtbar. Die Figuren in seinen Bildern scheinen wie Marionetten geradezu darauf zu warten, dass jemand ihr Schicksal in die Hände nimmt. So sind seine
Bilder Symbol unserer heutigen radikalisierten Marktgesellschaft, in der Musse und Einsamkeit verpönt sind und des Benchmarking des Individuums, das sich alle Optionen offenhält, und sich am Ende dafür zu entscheiden, sich gar nicht zu
entscheiden. Die zeitgenössischen Figuren in Klimeks Bildern wirken nicht einsam, sondern autistisch; unfrei sich zu entscheiden. So wirken die Figuren
in „Stadt“ (2011) wie Gefangene in einer düster, realen Welt. Nichts bindet sie an diesen Ort, und dennoch
wirken sie seltsam unfrei und versunken in Erstarrung. Während wie hier die Menschen am Rand des Geschehens stehen, sind andere Räume, wie etwa „Eingang“
(2011) oder „Ohne Sorge“ (2011), gänzlich von ihnen geleert. In anderen Kompositionen, wie „Hund mit Mann“
(2009) wirken sie wie Fremdkörper.
Grosses technisches Können, die Hingabe zu figurativer Malerei und die Vorliebe für melancholische Bildinhalte
zeichnen die abgeflachten Landschaften Klimeks aus, deren Code nicht entschlüsselt werden kann. Seine Bilder strahlen eine Ernüchterung und zugleich
Zuversicht und Hoffnung aus. Klimeks Bilder vermitteln keine Botschaften, sondern eine Stimmung, ein Gefühl. Mit ihrer verwaschenen Farbe, den scheinbar autistischen Figuren und den räumlich desorientierten Landschaften schaffen sie ein Gefühl der
Isolation, das über den Horizont der Landschaften hinauszugehen scheint.
Der 1978 in Gdansk (Polen) geborene Klimek studierte zunächst Kunstgeschichte (Berlin) und
wechselte später zur Illustration (Hamburg). Er lebt und arbeitet in Zürich.
Ruhe. Stillstand. Aufstand.
Wojtek Klimek - Sebastian Pless
Vernissage Donnerstag 10. Mai
Ausstellung bis 8. Juni